Zahnreinigung in der Schwangerschaft: sicher und sinnvoll

Schwangere Patientin im Beratungsgespräch zur Zahnreinigung in der Praxis 360°zahn

Beim Zähneputzen färbt sich der Schaum plötzlich rosa, obwohl Sie nichts anders machen als sonst. Für die Gingivitis, also die Entzündung des Zahnfleischs, nennt die Fachliteratur in der Schwangerschaft Werte zwischen 30 und 100 Prozent, so fasst es die Fachzeitschrift Zahnärztliche Mitteilungen (zm, Ausgabe 17/2024) zusammen. Blutungen beim Putzen sind in dieser Zeit also eher Regel als Ausnahme.

Es ist der häufigste Anlass, aus dem werdende Mütter in unserer Zahnarztpraxis in Düsseldorf anrufen, meist mit derselben Frage: Darf ich jetzt überhaupt zur Zahnreinigung? Die Antwort ist ein ruhiges Ja. Eine professionelle Zahnreinigung in der Schwangerschaft ist nicht nur erlaubt, sie ist fachlich empfohlen und einer der wenigen Bausteine Ihrer Mundgesundheit, die Sie in diesen Monaten aktiv steuern können.

Warum das Gewebe rund um die Zähne jetzt empfindlicher reagiert

Verantwortlich sind die hormonellen Veränderungen. Östrogen und Progesteron steigen deutlich an, und die Gingiva, das Weichgewebe rund um die Zahnhälse, wird dadurch stärker durchblutet. Gleichzeitig werden die kleinen Blutgefäße durchlässiger, sodass Flüssigkeit leichter ins Gewebe austritt. Das Ergebnis: Dieselbe Menge Plaque, also weicher bakterieller Zahnbelag, löst jetzt eine spürbar heftigere Reaktion aus als vor der Schwangerschaft. Fachleute sprechen von einer Schwangerschaftsgingivitis.

Die Hormonumstellung verändert außerdem die Mundflora und den Speichel. Er wird bei vielen Frauen zäher und fließt weniger, wodurch die natürliche Spülwirkung im Mundraum nachlässt. Beides zusammen erklärt, warum Beläge in dieser Zeit schneller zurückkehren, obwohl sich an Ihrer Zahnpflege nichts geändert hat.

Laut den Zahnärztlichen Mitteilungen beginnt die Schwangerschaftsgingivitis meist gegen Ende des ersten Drittels, erreicht ihren Höhepunkt etwa im achten Monat und klingt nach der Geburt wieder ab. Seltener bildet sich eine weiche Schwellung zwischen zwei Zähnen, ein Schwangerschaftsgranulom (Epulis gravidarum). Die Deutsche Gesellschaft für Parodontologie (DG PARO) nennt dafür eine Häufigkeit von 0,2 bis 5 Prozent im zweiten und dritten Schwangerschaftsdrittel.

Diese Schwellung ist meist harmlos. Wir entfernen sie in aller Regel nicht während der Schwangerschaft, sondern beobachten sie, solange sie nicht blutet und beim Kauen nicht stört. Nach der Geburt bildet sie sich häufig von selbst zurück.

Genau hier setzt die professionelle Prophylaxe an: Am Hormonspiegel lässt sich nichts ändern, am Belag sehr wohl. Weniger Belag bedeutet weniger Reiz und damit in vielen Fällen eine deutlich ruhigere Lage im Mund. Was hinter der Entzündung steckt, beschreiben wir ausführlich im Beitrag zur Gingivitis.

Der beste Zeitpunkt: das zweite Trimester

Beim Timing sind sich die Fachgesellschaften einig. Die Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK) bezeichnet das zweite Trimenon, also die Schwangerschaftswoche 13 bis 28, als sichersten Zeitpunkt für eine nicht-chirurgische Behandlung am Zahnhalteapparat. Das zweite Trimester ist damit das Fenster, in das wir planbare Termine legen. Die Zahnärztlichen Mitteilungen empfehlen einen gestaffelten Ablauf über die drei Schwangerschaftsdrittel. So sieht diese Staffelung in der Praxis aus:

Trimester Was sinnvoll ist Worauf zu achten ist
Erstes Trimenon Kontrolle und Beratung zu Zahnhygiene und Ernährung Planbare Zahnbehandlungen verschieben wir, weil jetzt die Organbildung des Kindes stattfindet
Zweites Trimenon (Woche 13 bis 28) Professionelle Zahnreinigung und, falls nötig, die Behandlung entzündeter Taschen Für die DGZMK der sicherste Zeitpunkt einer nicht-chirurgischen Behandlung am Zahnhalteapparat, die Übelkeit hat meist nachgelassen
Drittes Trimenon Kurze Termine, Planung der Zahnvorsorge für das Kind Flaches Liegen ist jetzt unangenehm, deshalb behandeln wir halb sitzend

Das heißt nicht, dass sonst nichts geht. Ein akuter Zahnarztbesuch ist zu jedem Zeitpunkt möglich und sinnvoll, denn eine unbehandelte Entzündung ist keine bessere Alternative. Wer schon vorher zu Zahnproblemen neigte, sollte den ersten Kontrolltermin ohnehin nicht bis zur 13. Schwangerschaftswoche aufschieben.

Entzündungen im Mund und Frühgeburt: was der Forschungsstand hergibt

Hier die nüchterne Fassung. Parodontitis ist die Entzündung des Zahnhalteapparats, bei der neben dem Weichgewebe auch der Kieferknochen angegriffen wird. Nach Angaben der DG PARO liegt bei etwa der Hälfte der 35 bis 44 Jahre alten Erwachsenen in Deutschland eine solche Erkrankung vor.

Beobachtungsstudien zeigen, dass Schwangere mit ausgeprägten Zahnfleischerkrankungen häufiger von Frühgeburt, niedrigem Geburtsgewicht und Präeklampsie betroffen sind. Als Erklärung wird diskutiert, dass Bakterien und Entzündungsstoffe aus tiefen Taschen in den Blutkreislauf gelangen. Das ist ein statistischer Zusammenhang samt Hypothese, kein Nachweis von Ursache und Wirkung.

„Die Datenlage ist nicht eindeutig, fundierte Rückschlüsse lassen sich daraus noch nicht ziehen.“

Sinngemäß nach der Deutschen Gesellschaft für Parodontologie (DG PARO) zum Zusammenhang zwischen Erkrankungen des Zahnhalteapparats und Schwangerschaftskomplikationen.

Auch das Cochrane-Review von Iheozor-Ejiofor und Kolleginnen aus dem Jahr 2017 stufte die Evidenz für einen besseren Geburtsausgang durch eine Parodontaltherapie als von niedriger Qualität ein.

Eine Klarstellung ist uns wichtig, weil diese Sorge im Netz größer gemacht wird, als sie ist: Dass eine Entzündung im Mund eine Fehlgeburt auslöst, ist wissenschaftlich nicht belegt. Aus dem Forschungsstand folgt kein Grund zur Angst, wohl aber ein guter Grund, eine bestehende Entzündung nicht bis nach der Geburt liegen zu lassen. Eine parodontologische Untersuchung dauert wenige Minuten und zeigt, ob der Knochen beteiligt ist.

So läuft die professionelle Zahnreinigung in der Schwangerschaft ab

Fachlich entspricht der Ablauf einer normalen professionellen Zahnreinigung, und zwar in vier Schritten:

  • weiche Beläge und Zahnstein entfernen
  • die Zahnzwischenräume säubern
  • die Zahnoberflächen polieren
  • fluoridieren

Zahnstein ist mineralisierter, harter Belag, den Sie zu Hause nicht wegputzen können, egal wie gründlich Sie arbeiten. Gegen Fluoride zur Kariesvorbeugung bestehen in der Schwangerschaft nach dem in den Zahnärztlichen Mitteilungen zusammengefassten Erkenntnisstand keine Bedenken.

Angepasst wird vor allem das Drumherum:

  • Bei starkem Würgereiz teilen wir die Sitzung auf zwei kürzere Termine und verzichten auf stark aromatisierte Polierpasten.
  • Ab dem dritten Drittel lagern wir halb sitzend und leicht nach links gedreht, damit der Druck der Gebärmutter auf die untere Hohlvene den Kreislauf nicht belastet.
  • Bei ausgeprägter Morgenübelkeit bekommen Sie einen späten Vormittagstermin, weil die Übelkeit bei vielen Frauen morgens am stärksten ist.

Dazu die ehrliche Einschränkung: Eine Zahnreinigung nimmt den Reiz, nicht die Hormone. Wenn es danach immer noch leichter blutet als vor der Schwangerschaft, ist das kein Zeichen für eine misslungene Behandlung. Bei vielen Frauen beruhigt sich die Lage erst nach der Geburt vollständig.

Und eine zweite Grenze, die selten jemand ausspricht: Im ersten Drittel ist eine Schwangeren-Prophylaxe zwar fachlich unbedenklich, praktisch aber oft nicht durchführbar, wenn schon der Blick auf die Zahnbürste Übelkeit auslöst. Dann verlegen wir den Termin lieber, statt ihn zu erzwingen.

Schwangere Frau bei der täglichen Zahnpflege am Waschbecken

Welche Zahnbehandlungen wir in der Schwangerschaft bewusst verschieben

  • Röntgenaufnahmen: Zahnärztliche Aufnahmen liegen laut DGZMK an der untersten Dosisgrenze aller medizinischen Röntgenaufnahmen. Trotzdem gilt in der Schwangerschaft, besonders in den ersten drei Monaten, eine sehr strenge Indikationsstellung.
  • Aufschiebbare Eingriffe: Bleaching, rein ästhetische Versorgungen und umfangreiche chirurgische Eingriffe planen wir für die Zeit nach dem Stillen.
  • Amalgam: Diese Frage hat sich erledigt. Seit dem 1. Januar 2025 gilt in der EU nach der Verordnung (EU) 2024/1849 ein weitgehendes Amalgamverbot, worüber die DGZMK informiert.

Was wir Ihnen dagegen nicht zumuten: eine Behandlung ohne Betäubung. Die Klinik für Geburtsmedizin der Charité Berlin weist ausdrücklich darauf hin, dass Schwangeren eine örtliche Betäubung mit Articain nicht vorenthalten werden sollte. Sagen Sie beim Termin von sich aus, in welcher Schwangerschaftswoche Sie sind, dann planen wir alles Weitere darum herum.

Übelkeit und Magensäure: der wichtigste Tipp für die Zahnpflege zu Hause

Magensäure löst Mineralien aus dem Zahnschmelz und macht die Oberfläche für etwa eine halbe Stunde weich. Wer direkt nach dem Erbrechen zur Zahnbürste greift, putzt diesen angelösten Schmelz mit weg. Über Monate entstehen daraus Erosionen, also flächige Substanzverluste ohne Karies.

Was bei Übelkeit und Erbrechen hilft

  • Nach dem Erbrechen nicht sofort zur Zahnbürste greifen
  • Zuerst den Mund gründlich mit Wasser oder einer fluoridhaltigen Mundspülung ausspülen
  • Rund 30 Minuten warten, erst danach putzen (übereinstimmende Empfehlung der Initiative proDente und der Zahnärztlichen Mitteilungen)
  • Schlägt Ihnen Zahnpasta morgens auf den Magen: zunächst trocken putzen, die Paste danach auftragen
  • Eine weiche Bürste mit kleinem Kopf hilft zusätzlich

Für die tägliche Zahnpflege gilt jetzt nichts anderes als sonst, nur konsequenter: zweimal täglich putzen, einmal täglich Zahnseide oder Interdentalbürsten. Beim Zahnfleischbluten sparen viele die blutende Stelle aus. Das ist der häufigste Fehler, den wir sehen, denn die Entzündung wird dadurch stärker statt schwächer. Putzen Sie dort weiter, nur sanfter und mit weicheren Borsten.

Was die Zahnreinigung kostet und wie es mit der Kostenübernahme aussieht

Nach Angaben der Verbraucherzentrale, die sich auf die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung (KZBV) beruft, berechnen die meisten Praxen zwischen 80 und 120 Euro, abgerechnet über die Ziffer 1040 der Gebührenordnung für Zahnärzte (GOZ). Je nach Aufwand sind auch mehr als 150 Euro möglich.

Eine eigene zahnärztliche Vorsorgeuntersuchung für Schwangere gibt es im Katalog der gesetzlichen Krankenkassen nicht, so die Verbraucherzentrale. Ihnen stehen aber die zwei Kontrolluntersuchungen pro Jahr zu, die allen Versicherten zustehen. Die Zahnprophylaxe beim Zahnarzt ist eine private Leistung, viele Kassen bezuschussen sie freiwillig. Klären Sie die Kostenübernahme deshalb vor dem Termin, meist genügt ein Anruf bei Ihrer Kasse.

Der Blick nach vorn: die Zahngesundheit Ihres Kindes

Kariesbakterien werden nicht vererbt, sondern übertragen, häufig von den engsten Bezugspersonen über den abgeleckten Löffel oder den Schnuller. Je weniger Bakterien im Mundraum der Eltern leben, desto später findet diese Übertragung statt.

Für das ungeborene Kind ändert eine Zahnreinigung unmittelbar nichts. Für das Baby danach aber sehr wohl: Wer die eigene Belastung mit Kariesbakterien schon vor der Geburt senkt, kann der Zahngesundheit des Kindes einen Vorsprung verschaffen. Wie es dann weitergeht, zeigt unsere Kinderprophylaxe.

Häufige Fragen zur Zahnreinigung in der Schwangerschaft

Ab welcher Schwangerschaftswoche sollte ich zur Zahnreinigung?

Ideal ist das zweite Trimester, also etwa ab der 13. Schwangerschaftswoche. Die DGZMK bezeichnet diesen Zeitraum als sichersten Zeitpunkt für nicht-chirurgische Behandlungen am Zahnhalteapparat. Einen ersten Kontrolltermin sollten Sie trotzdem früh über unsere Terminvergabe anfragen, damit Behandlungsbedarf rechtzeitig sichtbar wird.

Übernimmt die Krankenkasse die Zahnreinigung in der Schwangerschaft?

Nicht automatisch. Sie ist laut Verbraucherzentrale keine Regelleistung der gesetzlichen Krankenversicherung. Viele Kassen zahlen aber freiwillige Zuschüsse, teilweise mit besonderen Konditionen für werdende Mütter. Fragen Sie vor dem Termin nach der Kostenübernahme.

Was tun, wenn es in der Schwangerschaft beim Zähneputzen blutet?

In den allermeisten Fällen ist eine Blutung beim Putzen eine hormonell verstärkte Entzündungsreaktion und kein Notfall. Abklären lassen sollten Sie sie trotzdem, damit aus der oberflächlichen Entzündung keine Erkrankung des Kieferknochens wird. Wichtig: Putzen Sie an den blutenden Stellen weiter, nur sanfter.

Darf beim Zahnarztbesuch in der Schwangerschaft geröntgt werden?

Nur bei strenger Indikation. Die Strahlendosis ist laut DGZMK sehr gering, dennoch wird in der Schwangerschaft und besonders im ersten Drittel nur in Ausnahmefällen geröntgt. Sagen Sie beim Zahnarztbesuch von sich aus Bescheid, dass Sie schwanger sind.

Das Wichtigste in Kürze
Die professionelle Zahnreinigung ist in der Schwangerschaft sicher und fachlich empfohlen. Entzündungen im Mund sind jetzt sehr häufig, die Literatur nennt laut den Zahnärztlichen Mitteilungen Werte zwischen 30 und 100 Prozent. Bester Zeitpunkt ist das zweite Trimester, für die DGZMK der sicherste Zeitraum für nicht-chirurgische Behandlungen. Röntgenaufnahmen und aufschiebbare Zahnbehandlungen verschieben wir, die örtliche Betäubung bleibt erhalten. Nach dem Erbrechen gilt: erst mit Wasser oder einer Mundspülung ausspülen, 30 Minuten warten, dann putzen. Kosten laut Verbraucherzentrale meist 80 bis 120 Euro.