Karies im Zahnzwischenraum früh erkennen und behandeln

Zahnarzt erklärt einem Patienten Karies im Zahnzwischenraum anhand einer Röntgenaufnahme

Sie stehen vor dem Spiegel, die Zähne sehen sauber und weiß aus, und trotzdem sagt Ihre Zahnärztin beim nächsten Termin: zwischen zwei Backenzähnen hat sich Karies gebildet.

Das ist kein Zeichen von Nachlässigkeit, sondern eine Frage der Anatomie. In einer randomisierten Studie über sieben Jahre schritten 45 Prozent der unbehandelten Läsionen weiter fort (Paris und Kollegen, Journal of Dentistry 2020). Karies im Zahnzwischenraum heißt in der Fachsprache Approximalkaries: Karies an den Flächen, mit denen zwei Nachbarzähne aneinanderstoßen. Dorthin schaut niemand, weil man dorthin nicht schauen kann.

Die gute Nachricht: Wird eine solche Stelle früh gefunden, muss nicht zwangsläufig gebohrt werden. Solange die Zahnoberfläche geschlossen ist, lässt sich der porös gewordene Zahnschmelz mit einem dünnfließenden Kunststoff auffüllen und versiegeln. Dieses mikroinvasive Verfahren heißt Kariesinfiltration, in unserer Düsseldorfer Praxis arbeiten wir dafür mit der Icon-Methode. Wo sie trägt und wo sie an ihre Grenze kommt, steht weiter unten.

Wie Karies zwischen den Zähnen entsteht

Plaque, Zucker und Säure: was am Kontaktpunkt passiert

Auf jeder Zahnoberfläche bildet sich innerhalb weniger Stunden ein weicher Zahnbelag, den wir Plaque oder Biofilm nennen. Darin leben Bakterien, die ohnehin ständig in der Mundhöhle vorhanden sind. Sie verwerten Zucker aus Speiseresten und geben dabei Säure ab.

Diese Säure löst Mineral aus dem Zahnschmelz, der härtesten Substanz des menschlichen Körpers. Zwischen den Mahlzeiten puffert Speichel die Säure ab und liefert Mineral zurück. Erst wenn die sauren Phasen überwiegen, etwa bei vielen kleinen Zwischenmahlzeiten aus zuckerhaltigen Lebensmitteln, kippt das Gleichgewicht dauerhaft.

Bleibt weicher Belag über Tage liegen, mineralisiert er zu Zahnstein. Dessen raue Oberfläche bindet neue Bakterien und lässt sich zu Hause nicht mehr entfernen, sondern nur bei der professionellen Zahnreinigung. Am Kontaktpunkt zweier Zähne trifft beides zusammen: schwer erreichbare Plaque und ein Bereich, den Speichel kaum umspült.

Vom Zahnschmelz ins Zahnbein

Zu Beginn verliert der Schmelz nur Mineral, die Oberfläche bleibt geschlossen. Eine solche beginnende Karies zeigt sich weder als Loch im Zahn noch als Beschwerde, sie ist der Zustand, den wir eigentlich finden wollen.

Überschreitet die Entkalkung die Grenze zum Zahnbein, gerät der Prozess in Fahrt. Dentin, also das weichere Gewebe unter dem Schmelz, ist von feinen Kanälchen durchzogen, in denen Bakterien schneller vorankommen. Irgendwann bricht die dünne Deckschicht ein, und aus der Läsion wird ein sichtbares Loch im Zahn.

Wenn tiefe Karies den Zahnnerv erreicht

Wächst die Läsion weiter Richtung Pulpa, dem Nerv-Gefäß-Bündel im Zahninneren, entstehen die typischen Zahnschmerzen: erst kurz bei Süßem oder Kälte, später anhaltend. Eine tiefe Karies, die den Nerv entzündet hat, lässt sich nicht mehr mit einer Füllung versorgen. Dann steht eine Wurzelbehandlung an, fachlich Wurzelkanalbehandlung genannt.

Ein so behandelter Zahn verliert Substanz und wird spröder, häufig folgt deshalb eine Krone, die ihn umfasst und stabilisiert. Geht er später doch verloren, schließt Zahnersatz die Lücke, etwa eine Brücke oder ein Implantat. Genau diese Abfolge ist der Grund, warum wir solche Läsionen so früh wie möglich suchen: Jeder Schritt kostet Zahnsubstanz, die nicht zurückkommt.

Warum ausgerechnet der Zahnzwischenraum betroffen ist

Drei Dinge machen den Kontaktpunkt zur anfälligsten Stelle im Gebiss:

  • Keine Zahnbürste kommt hin. Die Borsten gleiten über Kauflächen und Außenseiten, am Kontaktpunkt enden sie.
  • Wenig Speichel. Der Bereich wird schlechter umspült, Säure wird dort langsamer abgepuffert.
  • Nichts ist zu sehen. Die Läsion liegt hinter dem Kontaktpunkt, dem Blick verborgen.

Wie Karies im Detail abläuft und welche Stadien sie durchläuft, beschreiben wir unter Karies: Entstehung, Stadien und Verlauf.

Dass Zahnerkrankungen dieser Art verbreitet bleiben, zeigt die Sechste Deutsche Mundgesundheitsstudie des Instituts der Deutschen Zahnärzte (Erhebung 2022/2023): Bei den 35- bis 44-Jährigen liegt die Karieserfahrung im Mittel bei 8,3 Zähnen, nach 11,2 in der Vorgängerstudie. Der Rückgang ist deutlich, der Zwischenraum bleibt aber die Stelle, an der Befunde zuletzt verschwinden.

Reinigung der Zahnzwischenräume mit Zahnseide und Interdentalbürsten

So finden wir Karies in den Zahnzwischenräumen, bevor ein Loch entsteht

Weil die Läsion hinter dem Kontaktpunkt liegt, reicht der bloße Blick nicht aus. Wir kombinieren zwei Verfahren.

Bissflügel-Röntgen zeigt den Kontaktpunkt im Querschnitt

Bei einer Bissflügelaufnahme beißen Sie auf eine kleine Halterung, der Strahlengang trifft den Kontaktpunkt seitlich. Auf dem Röntgenbild erscheint eine beginnende Läsion als dunklerer Keil im Schmelz, über dessen Tiefe wir das Stadium einordnen. Wie oft solche Röntgenaufnahmen sinnvoll sind, richtet sich nach Ihrem Kariesrisiko und nicht nach einem festen Kalenderintervall.

Transillumination durchleuchtet den Zahn mit Licht

Transillumination bedeutet Durchleuchtung: Kaltes Licht wird seitlich an den Zahn geführt. Gesunder Zahnschmelz leitet es weiter, entmineralisierter streut es und zeichnet sich als Schatten ab. Das Verfahren kommt ohne Röntgenstrahlung aus und eignet sich gut für Verlaufskontrollen.

Die Bissflügelaufnahme ersetzt es nicht, weil sich die Tiefe im Durchlicht schwerer beurteilen lässt. Regelmäßige zahnärztliche Kontrollen bleiben deshalb die Grundlage jeder Früherkennung. Wie eng Ihre Zahnarztbesuche getaktet sind, legen wir gemeinsam anhand Ihres Risikos fest.

Karies oder Verfärbung: woran wir den Unterschied festmachen

Nicht jeder dunkle Schatten zwischen den Zähnen ist Karies. Verfärbungen aus Kaffee, Tee oder Nikotin sitzen auf der Zahnoberfläche und lassen sich abtragen. Eine Karies sitzt dagegen im Zahn selbst und bleibt nach der Reinigung sichtbar. Im Zwischenraum ist beides mit bloßem Auge kaum zu unterscheiden, deshalb der apparative Befund.

E1, E2 und D1: ab wann eine Kariesbehandlung ohne Bohren infrage kommt

Auf dem Röntgenbild teilen wir die Ausdehnung in Stufen ein. Diese Einteilung entscheidet, ob wir abwarten, versiegeln oder bohren. Die Übersicht zeigt, was im jeweiligen Stadium im Zahn passiert und was dann ansteht.

Stadium Was im Zahn passiert Passende Behandlung
E1 Die Läsion liegt in der äußeren Schmelzhälfte, die Oberfläche ist geschlossen. Fluorid, konsequente Reinigung der Zahnzwischenräume, Verlaufskontrolle. Der Prozess lässt sich oft zum Stillstand bringen.
E2 Die Entkalkung reicht bis in die innere Schmelzhälfte. Ab hier gilt die Kariesinfiltration in der Fachliteratur als indiziert (Meyer-Lückel und Paris, zm-online 2019).
D1 Die Läsion hat das äußere Dentindrittel erreicht, also die erste Schicht Zahnbein. In rund 30 Prozent der Fälle ist die Oberfläche dabei bereits kaviert. Obergrenze für die Infiltration. Ist die Oberfläche durchbrochen, ist eine Füllung der richtige Weg.
D2 und tiefer Die Läsion reicht ins mittlere oder innere Zahnbein, meist mit sichtbarem Loch. Die Infiltration wird nicht mehr empfohlen. Es folgt eine Füllung, bei entzündetem Nerv eine Wurzelbehandlung.

Vor allem die Zahl zu D1 überrascht: Ein Befund im Zahnbein heißt nicht automatisch bohren, solange die Deckschicht hält.

Wie die Behandlung im Zwischenraum abläuft

Der Ablauf ist immer derselbe und dauert je Zahn etwa 15 bis 30 Minuten, meist in einer Sitzung und ohne Betäubung:

  • Der Zahn wird mit Kofferdam trocken gelegt, ein Keil weitet den Zwischenraum minimal auf.
  • Ein Ätzgel trägt die dünne, scheinbar intakte Deckschicht über der Läsion ab.
  • Nach dem Trocknen mit Alkohol folgt der Infiltrant, ein sehr dünnfließender Kunststoff, der über Kapillarkräfte in den porösen Schmelz einzieht.
  • Der Kunststoff wird mit Licht ausgehärtet, anschließend wird poliert.

Wir planen dafür bewusst einen eigenen Termin ein und behandeln selten mehr als zwei Zwischenräume am Stück, weil Kofferdam und Keil auf Dauer unangenehm werden und die Trockenlegung über die gesamte Zeit halten muss.

In der Sieben-Jahres-Studie von Paris und Kollegen schritten 9 Prozent der infiltrierten Läsionen fort gegenüber 45 Prozent der Kontrollen, eine relative Risikoreduktion von 80 Prozent (Konfidenzintervall 19 bis 95 Prozent). Die Autoren verweisen selbst auf die kleine Fallzahl von 22 Läsionspaaren. Breiter abgesichert ist die Wirkrichtung durch eine Zusammenschau mehrerer Studien:

Mikroinvasive Verfahren verringern das Fortschreiten von Karies an den Kontaktflächen deutlich stärker als eine rein nicht invasive Betreuung: Odds Ratio 0,24 (95-Prozent-Konfidenzintervall 0,14 bis 0,41).

Sinngemäß nach Dorri und Kollegen, Cochrane Review zu mikroinvasiven Verfahren, 2015, ausgewertet wurden acht Studien mit 365 Teilnehmenden.

Wo diese Kariesbehandlung an ihre Grenze kommt

Die Kariesinfiltration ist ein Verfahren für das Frühstadium. Drei Grenzen sprechen wir im Beratungsgespräch von uns aus an:

  • Kavitation. Hat sich ein Loch im Zahn gebildet, kann der Kunststoff die Bakterien nicht mehr zuverlässig einschließen. Reicht die Läsion tiefer ins Dentin, ist die klassische Füllung aus Komposit die richtige Wahl: Das erweichte Gewebe wird entfernt und durch zahnfarbenen Kunststoff ersetzt, der schichtweise eingebracht und ausgehärtet wird.
  • Trockenlegung. Der Zahn muss durchgehend trocken bleiben, sonst zieht der Infiltrant nicht ein. Liegt der Kontaktpunkt sehr tief und dicht am Zahnfleisch, gelingt das nicht immer. Dann raten wir ab und kontrollieren die Stelle engmaschig, statt eine Versiegelung zu versuchen, die nicht dicht wird.
  • Ursache. Das Verfahren stoppt eine einzelne Stelle, es ändert nichts an den Bedingungen in der Mundhöhle. Ohne saubere Zwischenräume entsteht die nächste Läsion am nächsten Kontaktpunkt.

Mundhygiene: so reinigen Sie die Zwischenräume wirklich sauber

Die Bundeszahnärztekammer empfiehlt, zweimal täglich mit fluoridhaltiger Zahnpasta zu putzen (für Erwachsene 1.450 ppm Fluorid) und einmal täglich die Zahnzwischenräume zu reinigen. Zähneputzen allein genügt also nicht, weil die Borsten am Kontaktpunkt enden. Auf die Technik kommt es dabei mehr an als auf das Produkt.

So reinigen Sie die Zahnzwischenräume richtig

  • Interdentalbürsten sind erste Wahl, wenn der Raum sie zulässt. Entscheidend ist die Größe: Die Bürste soll ohne Kraft hineingehen und dabei beide Flächen berühren. Wir messen die Größen am Stuhl aus, oft braucht ein Gebiss mehrere.
  • Zahnseide ist für enge Kontaktpunkte gedacht, für die selbst die feinsten Interdentalbürsten zu dick sind. Nicht mit Druck durchschnappen lassen, sondern mit leichter Sägebewegung am Kontaktpunkt vorbeiführen.
  • Unten angekommen, legen Sie die Seide in C-Form um den einen Zahn und reinigen dessen Fläche mit zwei bis drei Auf- und Abbewegungen. Danach dieselbe Lücke noch einmal für den Nachbarzahn.
  • Eine Mundspülung ersetzt die mechanische Reinigung nicht. Sie kann sie ergänzen, spült aber keinen Belag aus dem Kontaktpunkt heraus.
  • Zahnfleischbluten in den ersten Tagen ist ein häufiges Zeichen entzündeten Zahnfleischs und meist kein Grund aufzuhören. Hält es über zwei Wochen an, sehen wir es uns an.

Zur Einordnung: Der Cochrane-Review von Worthington und Kollegen (2019) wertete 35 Studien mit 3.929 Erwachsenen aus. Zusätzliche Zwischenraumreinigung verringerte Zahnfleischentzündung und Zahnbelag stärker als Putzen allein; die Sicherheit der Evidenz stufen die Autoren als niedrig bis sehr niedrig ein. Für Ihre Zahngesundheit bleibt die tägliche Routine trotzdem der wirksamste Hebel, den Sie selbst in der Hand haben.

Häufige Fragen zu Karies zwischen den Zähnen

Kann ich Karies im Zwischenraum selbst erkennen?

In der Regel nicht. Solange die Zahnoberfläche geschlossen ist, sehen und spüren Sie nichts. Ein indirekter Hinweis kann sein, dass Zahnseide an einer Stelle regelmäßig ausfranst oder einreißt. Ein Beweis ist das nicht, denn auch eine überstehende Füllungskante franst Seide auf.

Verursacht Karies im Zwischenraum Zahnschmerzen?

Im Frühstadium nicht. Zahnschmelz enthält keine Nervenfasern, deshalb bleibt eine beginnende Läsion stumm. Beschwerden treten meist erst auf, wenn die Karies das Zahnbein erreicht hat und Reize über dessen Kanälchen weitergeleitet werden. Schmerzfreiheit ist damit kein Beleg für gesunde Zwischenräume.

Tut die Kariesinfiltration weh?

Da keine Zahnsubstanz abgetragen wird, kommt die Behandlung meist ohne Betäubung aus. Als unangenehm empfinden viele eher den Kofferdam und den Keil, der den Zwischenraum aufweitet. Wer angespannt zum Zahnarzt geht, sagt uns das am besten vorher, dann planen wir mehr Zeit ein.

Zahlt die Krankenkasse die Behandlung ohne Bohren?

Nein. Diese Kariesbehandlung ist weder im BEMA noch in der Gebührenordnung für Zahnärzte als eigene Position enthalten. Sie wird analog nach § 6 Abs. 1 GOZ berechnet und ist auch für gesetzlich Versicherte eine private Leistung. Eine klassische Füllung gehört dagegen zur Regelversorgung. Den Betrag nennen wir Ihnen vorab schriftlich.

Hält eine infiltrierte Stelle dauerhaft?

Die vorliegenden Studien beobachten ein bis sieben Jahre und zeigen darin eine deutlich geringere Fortschreitungsrate als ohne Behandlung. Eine Garantie lässt sich daraus nicht ableiten. Wir kontrollieren infiltrierte Stellen deshalb weiter, meist im Rahmen der Prophylaxe. Einen Termin in unserer Praxis vereinbaren Sie online.

Das Wichtigste in Kürze
Am Kontaktpunkt zweier Nachbarzähne bleibt Plaque liegen, Bakterien bilden aus Zucker Säure, und der Zahnschmelz verliert Mineral. Gefunden wird die Stelle über Bissflügel-Röntgen und Transillumination. Reicht sie höchstens bis ins äußere Drittel des Zahnbeins und ist die Oberfläche geschlossen, kommt die Behandlung ohne Bohren infrage: Ein dünnfließender Kunststoff versiegelt den porösen Schmelz. Bei Paris und Kollegen schritten 9 Prozent der infiltrierten Läsionen fort, ohne Behandlung 45 Prozent. Ist ein Loch entstanden, ist eine Füllung der richtige Weg, bei entzündetem Nerv eine Wurzelbehandlung. Grundlage bleibt die tägliche Reinigung der Zahnzwischenräume.